Anlässlich des fünfzehnten Jahrestages der Nuklearkatastrophe von Fukushima, zu dem mal wieder in zahlreichen Artikeln der Begriff „Super“-GAU perpetuiert benutzt wird, möchte ich eine weitere[1] Sprachkritik veröffentlichen, die auch in meinem in Arbeit befindlichen Buch enthalten sein wird.
Sprache ist immer auch Herrschaftssprache, da sie Herrschaftsverhältnisse / hierarchische Beziehungsverhältnisse durch die alltägliche Reproduktion zementiert. Am bekanntesten ist hierbei die Reproduktion patriarchaler Herrschaft, wo insbesondere die Unsichtbarmachung von Frauen (im angeblich „generischen“ Maskulinum) durch die feministischen Sprachkritik thematisiert wurde. Aber die Herrschenden manipulieren die Sprache auch für alle möglichen anderen Zwecke:
Als 1986 das russische Kernkraftwerk Tschernobyl explodierte, war ich als (angehender) Physiker zunächst einfach nur zutiefst deprimiert, weil die Leute erst über dieses (absehbare) Unglück kapiert haben, dass wir als wissenschaftliche Mahner vor den Risiken der Nutzung von kerntechnischen Anlagen zur Energiegewinnung sowie als Kritiker der Energiepolitik und Teil der Anti-AKW-Bewegung, ihnen vorher keinen Mist erzählt hatten. Weil anscheinend die Menschen nur über Leid fähig zur Erkenntnis sind, und nicht, wie sich einbilden, durch den Verstand und wissenschaftliche Diskurse. Zusätzlich war ich aber auch über die bis heute in den Medien verbreiteten Wortkreation „Super“-GAU genervt.
„GAU“ bedeutet „größter anzunehmender Unfall“ und eine Steigerung eines Superlativs ist schon grammatikalisch nicht vorgesehen, höchstens als dichterische Freiheit, um etwas sehr spezielles zum poetischen Ausdruck zu bringen. In diesem Fall jedoch, wo es um einen klar wissenschaftlichen Gebrauchszweck geht, ist solche poetische Freiheit sinnfrei und unwissenschaftlich, wie es beispielsweise auch in dem mathematischen Begriff „kleinster gemeinsamer Nenner“ keine sinnvolle Steigerungsform gibt.
Eine internationale Expert*innengruppe aus Vertreter*innen der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat 1990 offiziell eine siebenstufigen Internationalen Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse (INES) eingeführt. Auch wenn INES zwischenzeitlich ein paar Mal erweitert und überarbeitet wurde, so blieb die Skala im Wesentlichen unverändert[2] und listet in der höchsten Stufe „Major accident“ (Katastrophaler Unfall) nur bzw. genau die beiden entsprechenden Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima (2011) auf. Von wissenschaftlicher Seite werden diese Ereignisse mit „major“ (größter) und nicht mit einem poetischen „super-major“ bezeichnet.
Die unwissenschaftliche Begriffskreation „Super“-GAU propagiert eine Ereignissingularität und versucht damit nebenbei den inneren Widerspruch zu übertünchen, dass es nicht nur ein Ereignis, sondern inzwischen schon zwei entsprechende „Ereignisse“ gibt. Das Märchen von der Singularität aber erzählt das Märchen von der Nicht-Wiederholbarkeit, war wiederum durch das alte Märchen von der Technikbeherrschung begründet wird. Letzteres war aber genau jenes Märchen, das viele Wissenschaftler*innen kritisiert und dekonstruiert hatten, gegen das die Anti-AKW-Bewegungen gekämpft hatten und das die GAUs von Tschernobyl und Fukushima eindrücklich widerlegt haben.
Betrachtet mensch die mit dieser Begriffskreation „Super-GAU“ transportierten vorgenannten Narrative geführten Mainstream-Diskurse, so ist die politische Stoßrichtung offensichtlich: Es geht um die, von technokratischen Naturbeherrscher*innen[3] erneut aufgestellten Forderungen nach Erhalt, gar Ausbau, von Energieproduktion durch Kernkraft, die aktuell mit Verweis auf die laufenden Krisen des menschengemachten Klimawandels und durch den Ukraine- und den Iran-Krieg eine zusätzlich begründet werden sollen. Und da müssen die potentiellen Gefahren kerntechnischer Anlagen möglichst kleingeredet und negiert werden, um die Massen im Kommunikationskrieg zu betäuben.
Diese Realitätsverweigerung dient nur der Sicherung bestehender Herrschaftsverhältnisse:
- Der Profitgewinnung durch das Kapital, das übrigens nicht allen Folgekosten (sog. „Ewigkeitskosten“) für die Endlagerungen des produzierten radioaktiven Mülls vollumfänglich verantwortet, da Privatunternehmen das gar nicht auf so lange Zeiträume, d.h. für die nächsten mehrere zehntausend Jahre, gewähren können, so dass im Endeffekt die Allgemeinheit dafür einspringen muss.
- Der mit der zivilen Nutzung auf das Engste gekoppelten Gewinnung bombenfähigen nuklearen Materials, wie Plutonium, das nur durch Ausbrüten in Reaktoren gewonnen werden kann.
- Die Abwehr dezentraler Strukturen zur Energieerzeugungen, da jede Dezentralisierung Machtverlust für die herrschende Klasse der Reichen und Mächtigen bedeutet.
- Auf einer tiefer liegenden, kriegerisch-patriarchalen kulturellen Ebene wird zudem das Märchen der Beherrschbarkeit von Technik und Natur reproduziert, was sich weit über das Thema Kernenergie hinaus auswirkt und das meiste Leben auf diesem Planeten bedroht, einschließlich unserem.
Die Nutzung der Begriffskreation „Super-GAU“ reproduziert und sichert zugleich diese Herrschaftsverhältnisse. Wer diese Kreation nutzt, und damit sind insbesondere auch „linke“ oder sich sonst wie als „aufklärt“ verstehende Medien (wie die taz mal wieder[4]), Parteien oder politische Organisationen gemeint, macht sich mitverantwortlich für die kommenden, dadurch verursachten Katastrophen.
[1] Ich hatte schon 2022 auf der Webseite „Eutopie“ meiner damaligen Gruppe Perspektive Solidarität, die von autoritären oberflächlichen „Antifaschisten“ gelöscht worden ist, zwei Sprachkritiken veröffentlicht, die ich auch hier unter dem Menüpunkt Texte zur Verfügung stelle.
[2] Meldung vom 6. Oktober 2008 auf world-nuclear-news.org, erhalten im Web-Archiv.
[3] Das muss gegendert werden, da Naturbeherrschung auch auf höchst offiziellen Ebenen längst keine rein männlich-patriarchale Angelegenheit mehr ist, wie das anhaltend intensive Engagement der Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen für weitere Investitionen in die Kernenergie zeigt. Sie steht dabei übrigens auch in einer familiären Kontinuität zur Atompolitik ihres Vaters, dem ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der für die gewaltsame Durchsetzungsversuche für das ehemals geplante „Endlager“ Gorleben verantwortlich war.
[4] Siehe taz-Artikel „Die einkalkulierte Katastrophe“ zum heutigen Jahrestag.