Der Umgang mit Konflikten in linken Strukturen

Konsenskultur & GfK als Lösungswege aus linken Diskurs­unfähigkeiten

1. Kritik am Umgang untereinander

Die Kritik am Umgang untereinander innerhalb des undogmatischen Teils der radikalen Linken ist nicht neu und in dieser Ausführung nach mindestens fünf Jahrzehnten (!) leider immer noch hochaktuell. Spätestens seit der Polarisierungen und damit einhergehenden Spaltungen entlang der Themen Corona-Maßnahmenkritik, Ukraine-Krieg und zuletzt an den Nahost-Konflikten ist der Linken eine fundamentale Diskursunfähigkeit zu attestieren.

Es gab und gibt in innerlinken Diskursen einen ziemlich aggressiven und teilweise rabiaten Ton, sei es auf dem Plenum, Orga-Treffen, Kneipendiskussionen oder auch nur in veröffentlichten Texten. Das ist auch nachvollziehbar, denn wir haben Politik nicht als rationale Auseinandersetzung, sondern als (nicht nur verbalen) gewaltförmigen Kampf gegen uns kennengelernt und erlebt, und wir haben auf ebensolche Weise kämpferisch und militant dagegen, d.h. nach Außen agiert. Aber leider haben wir diese kämpferische Haltung auch nach Innen übernommen und kultiviert. Wenn ich hier „wir“ schreibe, dann sind damit nahezu sämtliche emanzipatorischen / linken Diskurs seit Beginn der Aufklärung (um 1700) gemeint. Diese Kritik ist auch als nachträgliche Selbstkritik zu verstehen und ohne einen selbstkritischen Binnenblick, hätte ich sie so nicht erarbeiten können.

Das politische Selbstverständnis, den Feind zu suchen und ihn irgendwie in einem Kampf zu schlagen, haben wir fatalerweise auch intern beibehalten und mächtig viel Emotion und Energie im Kampf gegen „den Feind in den eigenen Reihen“ eingesetzt. Jede Abweichung von der eigenen politischen Linie wurde und wird dabei als Verrat und Angriff auf die eigene Position empfunden. Kritik und Hinweise auf Widersprüche solch eines Vorgehens zu humanistischen / anarchistischen Idealen wurden mit Hinweisen auf äußere Sachzwänge abgewiesen. Meistens war es der Repressionsdruck von Außen, der linke Gruppen zusammen gehalten hat, und sobald dieser Druck nachließ, implodierten diese Gruppen. Aktuell scheint es mir, dass selbst dieser Effekt trotz des globalen und lokalen Rechtsrucks nicht mehr funktioniert.

Die einzige Kritik an internen Umgangsformen, die aufgenommen wurde (weil sie musste) kam von feministischer Seite, auch als Kritik an der Gewalt durch Sprache[1]. Da stand so mancher Szenemacker plötzlich wegen seiner privilegierten Rolle und als Reproduzent von Geschlechterherrschaft auf der falschen Seite der Barrikade. Das führte zwar zu männlicher Verunsicherung aber nur selten zu Lösungen, da die Kritik meist nicht angenommen und schon gar nicht als Ansatzpunkt für eine selbstkritische Reflexion toxischer Männlichkeit aufgenommen wurde. Das ist wohl bis heute so geblieben, denn zu einigen unserer Vorträge (aus der Reihe „antifa:debug“), in denen es um Konsenskultur oder toxische Männlichkeit in der Antifa ging, sind explizit diejenigen, die wir kritisch adressiert hatten, gar nicht erst erschienen, sondern nur Leute, die sich in den Diskussionen als sowieso wohlwollend den Themen und der Kritik gegenüber zeigten. Das ist ein Verhaltensmuster, das inzwischen aus vielen linken Strukturen berichtet wird.

Die Folge dieses verbal gewaltförmigen Umgangs untereinander war, dass sich erschreckend viele Leute über kurz oder lang wieder aus der radikalen Linken verabschiedeten; Mitte der 80er war teilweise die Rede vom „autonomen Durchlauferhitzer“. Dass sich unter den Abgestoßenen ein erheblicher Anteil an Frauen befindet und umgekehrt der Männeranteil in Strukturen und auf Treffen im Laufe der Zeit stieg und dominierte, sollte jede* Szenekundige* aus eigener Erfahrung bekannt sein. Zahlen von einem Männeranteil von nahezu 80%, wie sie bspw. Vera Bianchi im Kontext der FAU für die 2000er Jahre ermittelt hat[2], haben sich nach meinen Wahrnehmungen bis heute nicht verändert und dürften für fast alle längerfristig angelegte linken Strukturen verallgemeinerungsfähig sein.

Bei derartigen inneren Kämpfen und der dadurch einsetzenden Verhärtung von „Fronten“ fehlt natürlich jegliche Anziehungskraft für Andere. Und die politischen Auswirkungen sind sogar noch viel fataler: Jedes zur Zeit herrschende System produziert in jeder Minute neue Gegner*innen gegen sich selbst. Da müsste also „die Linke“ gar nicht nach neuen Mitstreiter*innen suchen und diese umwerben, die kämen von selbst, wenn sie eine gegen das herrschende System gerichtete Linke als offen und solidarisch empfinden würden. Aber systemkritische Gruppen oder Parteien vergraulen diese potentiellen Genoss*innen systematisch. Außer für identitäre Abgrenzungen (und das auch noch begrenzt auf eine Szene-Blase) schaffen sie es weder zu zeigen, dass mensch auch anders miteinander umgehen kann, noch den Zweifler*innen und Verzagten über jetzt schon gelebte solidarische Umgangsweisen[3] Mut zu machen. Das kann ich nach all den Jahren solch „linker“ Kriegerkultur nur noch als konterrevolutionär bezeichnen.

2. Kriegerkultur führt zum Tod der Dialektik

Im Kern meiner Kritik am linken Umgang mit den Corona-Maßnahmegegner*innen[4] steht der völlige Zusammenbruch des letzten Rests vermeintlicher Diskursfähigkeit. Zeigten sich vor 2020 schon große Probleme, inhaltlichen Diskussionen anhand von Argumenten zu führen und Gegenargumente dialektisch für eine inhaltliche Weiterentwicklung zu nutzen, verhärteten sich die Krieger*innen an allen Fronten. Der Gipfel des Ganzen war die Herabstufung von Wissenschaft bzw. einzelner Aussagen zu einer Religion „der Wahrheit“ und damit der Rückfall in das Zeitalter vor der Aufklärung.

Nach meinen Analysen liegt die Ursache hierfür im militärischen Denken und Wahrnehmen, wie sie jeder Kriegerkultur zwangsweise innewohnt. Diese Ursache ist ein fundamental binäres Denken, das so schnell wie möglich Freund von Feind unterscheiden muss und Personen und Inhalte entweder in die gute / linke oder böse / rechte Schublade einsortieren muss – was in kriegerischen Situationen sinnvoll ist, aber keinesfalls in zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Hinzu kommt der militärische Zwang zur möglichst schnellen gut/böse-Bestimmung, was sich real nur über Oberflächlichkeiten erreichen lässt (weshalb Armeen ja irgendwann auch Uniformen eingeführt haben) und was im Laufe der Zeit auch zu einem entsprechenden binären Wahrnehmen geführt hat.

So wie Raum eine politische Dimension ist, da die Einsatzreichweite eines einzelnen Räubers oder seiner militärischen Truppen jeden Herrschaftsbereich definiert, so ist auch Zeit eine politische Dimension: Wir benötigen (viel) Zeit, um Menschen kennenzulernen und (ein)schätzen zu können, um gelingende Beziehungen aufzubauen und Vertrauen zu gewinnen. Ebenso wie die Qualität einer Arbeit Zeit erfordert, wird die Qualität von Beziehungen durch die aufgewendete Zeit bestimmt.

Aus all diesen (grob umrissenen) Gründen halten Krieger*innen daher weder Ambivalenzen noch Mehrdeutigkeiten oder widersprechende Blickwinkel aus. Solange wir diese tieferliegenden Ursachen nicht begreifen, nützen uns alle Appelle über bunte „Vielfalt“ u.ä. nichts, da sie notgedrungen eine lediglich oberflächliche Vielfalt implizieren und zudem einen an Oberflächlichkeiten (Klamotten, Frisur, Habitus etc.) orientierten sozialen Konformismus fördern und stabilisieren.[5]

Ebenso verhindert die Kriegerkultur die Lösung von Konflikten, nicht nur, weil binäres Denken und Wahrnehmen dem entgegenstehen, sondern auch weil die jeweils andere Konfliktpartei als auszugrenzender und zu überwältigender Feind angesehen wird, oder etwas abgeschwächt als Konkurrent*in: Jede Kriegerkultur enthält im Inneren / in ihrer DNA einen kriegerischen Umgang untereinander, der unweigerlich zu permanenter Konkurrenz führt, einer Konkurrenzkultur, die auch das Wesen aller herrschenden Systeme ausmacht. Der Kampf „aller gegen alle“ ist nicht in einer vorgeschichtlichen Frühzeit rassistisch konnotierter „Barbaren“ zu verorten, er herrscht in „zivilisierter“ Form hier und jetzt und der vorgebliche „Frieden“ ist, wie Thukydides vor 2400 Jahren richtig gesagt hat, nur ein Waffenstillstand in einem ewigen Krieg.

Den Konkurrenzaspekt zu erwähnen ist an dieser Stelle wichtig, da das Kriegerische, das so gesehen auch leicht mit toxischer Männlichkeit zu identifizieren ist, alleine dem herrschenden Patriarchat kritisch zugewiesen werden könnte. Das blendet dann aber den Verhaltensanteil der Nicht-Männer aus, die aber über weniger offensichtliche / offensive Methoden der Konkurrenz ihren vollen Beitrag zur Gesamtscheisse leisten.

All das steht einem emanzipatorischen Umgang entgegen, in dem Konflikte als Chance zur eigenen bzw. gemeinsamen Weiterentwicklung angesehen werden. Dass jeder ungelöste Konflikt im Stillen, gar im Unbewussten weiter gärt und uns dort auch noch Lebensenergie entzieht (Verdrängen und Gefühle unterdrücken kosten viel Energie!) und uns letztendlich echter Emanzipation beraubt, darf nicht länger ignoriert werden. Es gilt auch hier: Der Weg ist da, wo der größte Schmerz liegt.

3. Organisierung und Konsensprinzip

Die undogmatische, anarchistisch orientierte Linke versuchte sich von Anfang an herrschaftsfrei zu organisieren. Dass das nicht so einfach ist und sich trotz Abwesenheit von organisatorischen Hierarchien so etwas wie informelle Hierarchien bilden können, wurde auch bald von einigen Wenigen registriert, aber in autonomen Zusammenhängen nicht ausreichend thematisiert, geschweige denn analysiert und damit auch nicht verhindert. Hierarchische Strukturen sind auch in der Linken allgegenwärtig, werden aber gut getarnt, teilweise durch die Selbsttäuschung eines nicht wahrhaben Wollens. Dabei ist diese Kritik uralt und wurde für nicht-hierarchische Strukturen erstmals 1972 in der US-amerikanischen Frauenbewegung thematisiert: Jo Freemans (Bewegungsname[6] Joreen) Beschreibungen von Gruppenstrukturen und -dynamiken in Die Tyrannei in strukturlosen Gruppen[7] ist bis heute aktuell.

Im Kern geht es bei jeder Organisierungsfrage um die zugrundeliegenden Entscheidungsstrukturen und die zugehörige Kommunikation. Wie Joreen nachvollziehbar beschreibt, gibt es gar keine Strukturlosigkeit in Gruppen, daher reproduziert sich zwangsläufig in jeder Entscheidungsstruktur – und dazu zählen eben auch unabgestimmte und nicht definierte Strukturen und Prozesse – die von sozialer Prägung des herrschenden Systems übernommenen (Krieger*innen-)Strukturen und ungeklärte Konkurrenzverhältnisse. Der von Joreen vorgeschlagene Weg, erst einmal den Status Quo einer Entscheidungsstruktur (schriftlich) zu beschreiben, ist der erste Schritt zur Entwicklung zu einer herrschaftsfreien Struktur. Der zweite ist die kritische Analyse und daraus abgeleitete Lösungen. Das Alles aber bedarf einer Kommunikation untereinander, die die vorgenannten kriegerkulturellen Hemmnisse überwindet.

Ein wichtiges Instrument der herrschaftsfreien Organisierung ist, Entscheidungen nicht nach dem Mehrheits-, sondern nach dem Konsensprinzip zu fällen. Dahinter steht nicht nur die klare Ablehnung des Mehrheitsprinzips, das als Mehrheitsdiktatur über eine jeweils unterlegene Minderheitenposition verstanden wird, dahinter stehen auch schlechte Erfahrungen aus hierarchischen Strukturen mit ausgeprägter interner Kampfatmosphäre, seien es die K-Gruppen der 70er, der AStA, die Grünen oder andere parlamentarische Experimente. Diese Erfahrungen zeigten, dass hier weniger emanzipatorische Diskussionen liefen, als viel mehr ein mehr oder weniger dreckiger Kampf um ein >50% Abstimmungsergebnis für das jeweils eigene Anliegen.

Das Konsensprinzip macht solchen Ambitionen einen Strich durch die Rechnung, denn es erfordert – theoretisch – Zustimmung oder zumindest Toleranz („Konsent“) von allen. In der Praxis wird für Entscheidungen meist ein eher „arithmetischer“ Konsens gefordert, der sich an einem schlicht etwas höherem Wert festmacht, wie z. B. 75%. Das kann so nur dann als „praktisch notwendig“ nachvollzogen werden, wenn den Teilnehmenden eine ihnen zugrundeliegende kriegerische Haltung als gesetzt unterstellt wird. Damit bewegt mensch sich aber bereits in einem politisch rechtsgerichtetem, negativen Menschenbild, und negiert indirekt jede Hoffnung auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Das ist in keiner Weise ein emanzipatorischer Ansatz. Er ist höchstens in kämpferischen Kontexten (gegen einen äußeren Feind) legitimiert, um (militärisch-)schnell zu Entscheidungen zu kommen und selbst dann müssten intern geäußerte Einsprüche im Nachgang mit mehr Zeit geklärt werden.

Konsens bedeutet nicht Gleichschaltung oder Einstimmigkeit im Sinne von Deckungsgleichheit der Interessen. Konsens bedeutet auch etymologisch „Übereinkunft“, also einen Prozess. Das Konsensprinzip ist nicht nur eine rein formale Änderung der Entscheidungsfindung, bei der die Latte von 50% auf 100% hoch gesetzt wird. Nur das allein ändert gar nichts, denn wenn sich im Umgang untereinander sonst nichts ändert, kommt mensch nur in relativ homogenen Gruppen zu einem Konsens und in heterogenen Gruppen wird man schnell mit dem Phänomen der Minderheitsdiktatur konfrontiert. Um Entscheidungen im „Konsens“ zu treffen, benötigt mensch also noch viel mehr, etwas, was in den letzten zwanzig Jahren als Konsenskultur bezeichnet und thematisiert wurde.

4. Konsens als radikale Kultur von Wertschätzung, Kontakt, Verletzlich­keit

Die Überschrift dieses Kapitels ist der Titel eines sehr guten Textes von Joris Kern, der u.a. Ende 2017 in der Graswurzelrevolution veröffentlicht wurde[8]. Joris betont in dem Text besonders, dass es um eine Änderung der Haltung, der inneren Einstellung geht und beleuchtet die Dinge aus dieser Perspektive.

Zuerst wird die etablierte, herrschende (!) Kompromisskultur betrachtet:

»Ein Kompromiss heißt, dass alle Beteiligten Abstriche machen, um sich zu einigen“, wobei sie „mit der letztendlichen Lösung nur mäßig zufrieden“ sind.«

Es wird dann das Verhalten beim Aushandeln von Kompromissen beschrieben, mit allen psychologischen Aspekten einer typischen Kampfatmosphäre, wie Unzufriedenheit, Missgunst, dem Gefühl sich verteidigen zu müssen, permanenter Konkurrenz, etc. Diese Form der Auseinandersetzung verfestigt und vertieft Gräben zwischen Personen und Gruppen und führt

»irgendwann zur Explosion (…), wenn das Maß der erträglichen Einschränkung erreicht oder überschritten ist.«

Und: »Das Konsensprinzip mit einer Kompromisskultur-Haltung ausüben zu wollen, macht es zu nicht mehr, als zu einer komplizierteren Abstimmungsmethode.«

Als Gegenmodell beschreibt Joris die Konsenskultur als einen „radikal anderen Weg“:

»Konsens ist hier der Versuch, unter Freien und Gleichwertigen alle Bedürfnisse möglichst optimal zu berücksichtigen. Verschiedene Bedürfnisse oder Wünsche sind nicht per se in Konkurrenz zueinander, sondern Teile eines noch zu gestaltenden gemeinsamen größeren Bildes, in dem vieles Platz haben kann. Dahinter steht der Wunsch, dass es allen Beteiligten maximal gut geht und sie sich maximal gehört, gesehen, verstanden und wohlwollend behandelt fühlen sollen.«

[Für die Konsensfindung] »zerlegt [mensch] die Wünsche und Bedürfnisse in immer genauere Bausteine, um dann aus dem entstandenen großen Puzzle eine Lösung zusammenzubauen, die möglichst viele der Bausteine enthält. Im Prozess der Verhandlung werden die Perspektiven weiter und vielfältiger, statt enger. Statt um verschiedene Bedürfniserfüllungsstrategien zu streiten, geht es um das Erschaffen einer gemeinsamen Strategie, in der möglichst alle Bedürfnisse erfüllt werden.«

Dafür ist es erforderlich, die eigenen Bedürfnisse sich selber bewusst zu machen, sie genau zu äußern und umgekehrt die Bedürfnisse anderer möglichst genau zu verstehen. Das erfordert aktives Zuhören und Empathie. Es erfordert auch

»Wohlwollen, das ehrliche Interesse aneinander, die Bereitschaft, sich mit seinen eigenen Strukturen (also Ängsten, Vorstellungen von Richtig und Falsch, Stress-Strategien etc.) auseinanderzusetzen, sich ehrlich zu zeigen und für sich einzustehen und genau diese Fähigkeiten auch an anderen wert zu schätzen“. [So eine] „radikale Kultur (…) aufzubauen schafft viel Vertrauen, braucht aber auch Mut.«

[Um] »(…) einen wirklichen Konsens unter Freien und Gleichwertigen zu finden, ist es notwendig, dass die Beteiligten sich sicher, willkommen, wertgeschätzt und respektiert fühlen. Auch die Angst vor sozialen Sanktionen macht Menschen unfrei. Wir alle können unser Bestes tun, um anderen diese Freiheit zu geben und [wir alle] haben das Recht, eine solche Haltung uns selbst gegenüber einzufordern. Außerdem ist es sinnvoll und notwendig, Ungleichheiten, die ein hierarchisches Gefälle zur Folge haben, strukturell auszugleichen oder zumindest sichtbar und bewusst zu machen.«

Solch eine Form von Kommunikation wurde auch von Marshall B. Rosenberg als Gewaltfreie Kommunikation (GfK) propagiert[9], wobei er die von mir hier als „kriegerisch“ beschriebene Sprache „Wolfssprache“ nennt, was ich aber zum einen den Wölfen gegenüber als unfair und erniedrigend empfinde und was zum anderen die tieferliegende Ursache und damit gewisse Lösungswege vernebelt. Um hier niemanden mit der inzwischen umfangreichen Literatur zu Rosenberg zu erschlagen, sei auf eine lesenswerte Auseinandersetzung mit GfK aus Anarchi-Sicht von Katja Einsfeld in der Graswurzelrevolution 341 (2009) verwiesen[10].

Als Beispiel für erste Umsetzungen dieser Idee sind moderierte Versammlungen mit gewichteten Redner*innenlisten zu nennen: Die Moderator*innen haben dabei die Aufgabe, Neutralität im Sinne einer ergebnisoffenen Haltung einzunehmen und sich um Vermittlung, Ausgleich und Konsensfindung zu bemühen. Die Gewichtung von Redner*innenlisten soll dabei Personen, die noch nichts oder ganz wenig gesagt haben, in der Redner*innenliste bevorzugen, was aber jeweils unbedingt transparent gemacht werden muss.

Ergänzen möchte ich solche Ansätze noch durch das Format der Gruppenmoderation, wie sie im anarchistischen HierarchNIE!-Reader[11] als Lösung für möglichen Machtmissbrauch einer Moderationsrolle vorgeschlagen wurde. Damit habe ich in der Zeit nach der Corona-Implosion in neu gegründeten Gruppen sehr positive Erfahrungen gemacht: Wenn alle für die Moderation zuständig sind, achten alle auch viel mehr aufeinander, was die notwendige Achtsamkeit (s.u.) fördert. Aus diesen Treffen bin ich dann auch – zum ersten Mal nach Jahrzehnten – mit mehr Energie rausgegangen, als ich reingegangen bin.

Joris setzt den neuen Ansatz in einen größeren politischen Kontext, der so nicht nur der von der Frauenbewegung propagierten „Politik der ersten Person“[12]entspricht, sondern zugleich eine Perspektive zum Aufbau einer anderen Gesellschaft im Hier und Jetzt aufzeigt:

»Zusammengehörigkeit und Solidarität über gemeinsame Feinde*innen herzustellen (…) schafft aber an sich noch kein tieferes Vertrauen und ist oft nicht in der Lage, langfristige Verbindungen und gesellschaftliche Veränderung zu schaffen. Eine friedliche und gesellschaftlich tragfähige Struktur aufzubauen, funktioniert nicht, wenn diese nur dann tragfähig ist, solange sie Feinde*innen hat.«

»Langfristiges Zusammengehörigkeitsgefühl und Vertrauen stellt sich über Gemeinsamkeiten her. Auch die Bereitschaft zur Klärung von Konflikten wächst ungemein, wenn es über den Konflikt hinaus auch verbindende Elemente, Wertschätzung und Vertrauen gibt. Diese Art von Kennenlernen dauert manchmal länger und ist u.U. mühsamer, besonders, weil viele von uns daran nicht gewöhnt sind. Die Übung besteht darin, nach möglichen Verbindungen statt Differenzen Ausschau zu halten, welche zu schaffen und mindestens ebenso viel Wertschätzung zu geben wie Kritik und Problemgespräche.«

Wichtig ist aber auch, dass

»Alle Beteiligten (…) die Möglichkeit haben [müssen], bei einer Nichtvereinbarkeit der Bedürfnisse getrennte Wege zu gehen. Im Idealfall werden sie dabei von den anderen wertschätzend unterstützt. Auch das gehört zu den vielen Möglichkeiten von Konsens. Konsens ist auch die Kunst, einen weiten Blick zu eröffnen oder zu behalten und im Falle der Unvereinbarkeit getrennte Wege zu gehen.«

Zum Schluss plädiert Joris dafür

»“einfach an[zu]fangen“ […] Statt darauf zu warten, dass die perfekte Gruppe, die richtigen Menschen, die perfekten Partner*innen vorbei kommen, mit denen es dann endlich funktioniert, die eigene Therapie abgeschlossen oder ein besserer Zeitpunkt da ist (…)«

5. Zusammenfassung und Ausblick

Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Konsensprinzip und einer Konsenskultur:

  • Ein Konsensprinzip mit einer Kompromisskultur-Haltungletztendlich einer kriegerischen Haltung untereinander – stellt nur eine anspruchsvollere Zählmethode bei Entscheidungen dar, das zu Unzufriedenheit und Verfestigung von Gräben führt.
  • Eine Konsenskultur ist ein Prozess einer tiefgehenden Lösungsfindung, bei dem möglichst alle Bedürfnisse optimal berücksichtigt werden. Ein Prozess, der Vertrauen schafft und Kraft gibt.

Die Voraussetzungen, die für alle Seiten gelten müssen, sind:

  • Empathie und aktives Zuhören
  • Offenheit
  • Sicherheit
  • Wertschätzung und Wohlwollen
  • Achtung / Respekt

So eine Kultur einzuführen ist im besten Sinne eine Kulturrevolution! Wir müssen uns in unseren Zusammenhängen eine Konsenskultur erarbeiten und pflegen, um das permanente Scheitern von kollektiven Strukturen zu verhindern.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass die hier vorgetragenen Inhalte nicht nur für politische Gruppen gelten, sondern im Grundsatz für jede Form zwischenmenschlicher Beziehung.


Anhang

Links

Allgemein zum Konsensprinzip:
https://www.graswurzel.net/gwr/1996/06/mehrheitsdiktatur-und-konsensprinzip/
https://www.graswurzel.net/gwr/2005/03/der-irokesenbund-als-egalitare-konsensdemokratie/

Der Artikel von Joris Kern:
https://kritisches-netzwerk.de/forum/konsens-als-radikale-kultur-von-wertschaetzung-kontakt-und-verletzlichkeit
PDF: https://www.magazin-auswege.de/data/2018/02/Kern_Konsenskultur.pdf
Homepage von Joris: https://konsenskultur.net/
Bücher von Joris: https://www.querverlag.de/sex-aber-richtig/ und https://www.querverlag.de/konsenskultur/

Antwort auf den Artikel von Joris Kern:
https://www.graswurzel.net/gwr/2017/11/robuste-konsenskonzepte/

Antwort von Joris Kern wiederum auf die Kritik:
http://www.schattenblick.de/infopool/medien/altern/gras1718.html

Thema „GfK“:
https://www.graswurzel.net/gwr/2009/09/ist-gewaltfreie-kommunikation-gelebte-anarchie/
https://www.graswurzel.net/gwr/2010/01/von-der-konfrontation-zuruck-zum-bitten/

Gute Seiten zum Thema Konsenskultur:
http://transform-social.org/ (Viele super Texte und weiterführende Links!)
https://wirliebenkonsens.wordpress.com/

Zum Thema Konsens beim Sex:
https://konsenslernen.noblogs.org/ (Super Broschüre!)
https://www.www-mag.de/debatten/beitrag/konsens-sprechen-lernen

Literatur

  • Ralf Burnicki:
    Anarchismus und Konsens. Gegen Repräsentation und Mehrheitsprinzip: Strukturen einer nichthierarchischen Demokratie.
    Verlag edition av, Frankfurt 2002, ISBN 3-936049-08-4.
    (Rezension in der GWR: https://www.graswurzel.net/gwr/2003/10/nachdenken-uber-eine-herrschaftsfreie-zukunft/)
  • Senta Trömel-Plötz (Herausgeberin):
    Gewalt durch Sprache: Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen
    1984 FISCHER Taschenbuch Verlag, ISBN 3-596-23745-9.
    2005 mit einem aktualisierten Vorwort der Herausgeberin, Milena Verlag, ISBN 3-85286-120-9.

Community Accountability“(Gemeinschaftsverantwortung)

ist eine gemeinschafts- und nicht polizei- und gefängnisbasierte Strategie, um auf Gewalt, einschließlich häuslicher und sexueller Gewalt und Kindesmisshandlung, zu reagieren. Sie zielt darauf ab, dass eine Gemeinschaft – ein Freundeskreis, eine Familie, eine Gemeinde, eine Arbeitsstätte, ein Appartement-Komplex, die Nachbarschaft etc. – prozesshaft zusammenarbeitet, um folgendes zu verwirklichen:

  • Werte und Methoden, die sich Gewalt und Unterdrückung entgegenstellen, und Sicherheit, Unterstützung und Verantwortung fördern, entwickeln und festigen.
  • Strategien entwickeln, um auf verwerfliches Verhalten von Gemeinschaftsmitgliedern zu reagieren und ihnen zu helfen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und es zu ändern.
  • An der Weiterentwicklung der Gemeinschaft und aller ihrer Mitglieder arbeiten, um die politischen Verhältnisse zu ändern, die Unterdrückung und Gewalt begünstigen.
  • Gemeinschaftsmitgliedern, die gewaltsam angegriffen wurden, Sicherheit und Unterstützung bieten und dabei ihre Selbstbestimmung achten

Transformative Justice“:
https://www.transformativejustice.eu/de/about/

Differenziertes Konsensstufen Modell

1. Volle Zustimmung
„Ich stimme dem Lösungsvorschlag zu.“

2. Leichte Bedenken
„Ich stimme zu, habe aber leichte Bedenken.“

3. Enthaltung
„Ich überlasse euch die Entscheidung, bin bei der Umsetzung aber dabei.

4. Beiseite stehen
„Ich kann den Vorschlag nicht vertreten, lasse ihn trotzdem passieren (beteilige mich aber nicht).

5. Schwere Bedenken
„Ich habe schwere Bedenken und wünsche mir eine andere Entscheidung.“

6. Veto
„Der Vorschlag widerspricht grundsätzlich meinen Vorstellungen. Er darf nicht beschlossen bzw. ausgeführt werden.“

(Aus: https://www.arbeitsstelle-kokon.de/konstruktive-konfliktbearbeitung/konsensmoderation/konsensstufen )

Aus „Konsensieren“ von https://wunschnachbarn.de/ (Kölner Wohnprojekt):

Nach dem Leitsatz „Widerstände sind noch nicht entdeckte Bedürfnisse“, wird allen unter­schiedlichen Positionen (insbesondere auch ‚Widerständen‘ und damit verbundenen Bedürf­nissen) eine besondere Wertschätzung entgegen gebracht, indem sich die Gruppe für die ge­naueren Hintergründe interessiert. Nach dieser qualitativen Erforschung können oft neue, tragfähigere Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden.


Fußnoten

[1] Senta Trömel-Plötz: Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 1984.

[2] Vera Bianchi, Die Initiative „FAU sucht Frau“ in den 2000er Jahren. In der in Making History (herausgegeben von Susanne Boehm, Jule Ehms, Bernd Hüttner u. Robert Kempf, Westfälisches Dampfboot, Münster 2025, S.83ff) abgedruckten Version ist laut Vera der Titel mangels Endlektorat falsch mit „… in den 1990er Jahren“ angegeben.

[3] Siehe Fußnote 12 (S. 6) zur „Politik der ersten Person“.

[5] Anmerkung: Diese Oberflächlichkeit haben sich alle bekannten Spitzel in der linken Szene zu Nutze machen können und umgekehrt ist deren fehlende inhaltliche Tiefe / „inneres Feuer“ ein erstes Indiz für ihre Falschheit.

[7] Jo Freeman, The Tyranny of Structureless, finale Version in Vol. 2, No. 1 of The Second Wave (1972). Download auf deutsch (u.a.) unter https://solidarrevolution.noblogs.org/files/2026/03/Jo_Freeman_-_Die_Tyrannei_in_strukturlosen_Gruppen.Uebersetzung-DB.pdf

[9] Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation: Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen – Neue Wege in der Mediation und im Umgang mit Konflikten; Originalausgabe: Nonviolent Communication. A Language of Compassion, 1999; dt. 2001 bei Jungfermann Verlagsbuchhandlung, Paderborn, 4. Auflage 2003

[10] Katja Einsfeld: Ist Gewaltfreie Kommunikation gelebte Anarchie?, GWR 341, September 2009; online: https://www.graswurzel.net/gwr/2009/09/ist-gewaltfreie-kommunikation-gelebte-anarchie/

[11] Projektwerkstatt (https://projektwerkstatt.de/), HierarchNIE!, Saasen 2006; über den Link bestellbar oder online als PDF-Download (https://projektwerkstatt.de/media/text/topaktuell_hoppetosse_evu_evu_reader.pdf)

[12] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Politik_der_ersten_Person. Damit war sicherlich in erster Linie gemeint, dass die Genossinnen nicht bis „nach der Revolution“ warten wollen/können, bis sich Sexismus und patriarchale Unterdrückung in ihrem Umfeld abbauen. Der prinzipielle Gedanke taucht übrigens auch in Mahatma Gandhis Ausspruch „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt“ auf.


Artikel als PDF: Der Umgang mit Konflikten in linken Strukturen.pdf

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